Samstag, 10. Oktober 2026

Köln: Along the Color Line – Spuren einer transatlantischen Moderne


  • ¡Ojo! 15.Oktober 2026, 18–22 Uhr: Kunstspäti “Along the Color Line – Diaspora, Kunst und Moderne”


Along the Color Line – "entlang der Farb[en]linie" ist die wörtliche Übersetzung.
Das aber ist mit Color Line im Allgemeinen nicht gemeint: Ursprünglich bezog sich der Begriff auf die Rassentrennung (racial segregation) in den USA nach dem Ende der Sklaverei. Color Line wurde durch den amerikanischen Soziologen W.E.B. Du Bois Anfang des 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt. Du Bois, der Europa in den 1930er Jahren bereiste, gibt der Ausstellung Along the Color Line – Spuren einer transatlantischen Moderne im Museum Ludwig ihren Rahmen.

O'Grady: Miscegenerated Family Album
Along the Color Line, 3.10.26 - 7.3.2027
Museum Ludwig, Köln

Die Ausstellung Along the Color Line soll sich entlang der Farbenlinie, der Rassengrenzen ziehen, der gesellschaftlichen, rechtlichen und wirtschaftlichen Trennlinie zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, Rassen, Hautfarben.

Der zweite Teil des Titels ist erst kurz vor Ausstellungseröffnung dazugekommen: Spuren einer transatlantischen Moderne.


W.E.B. Du Bois
Along the Color Line, 3.10.26 - 7.3.2027
Museum Ludwig, Köln


Ausgestellt werden vornehmlich Werke und Dokumente der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der Moderne, die durch europäische und amerikanische Schwarze Künstler geschaffen wurden, die kaum in den europäischen Museen vertreten sind. 
Dazu kommen Werke der Weißen europäischen Moderne und vereinzelt auch afrikanische Kunstwerke (zum Beispiel von Seidou Keita, der 2021 bereits in der herausragenden Ausstellung des K21 zur afrikanischen Fotografie vertreten war) sowie die post-konzeptuellen Installationen von James Gregory Atkinson (* 1981), die den eigentlichen Leitfaden der Schau bilden.
Atkinson ist ein Schwarzer deutsch-amerikanischer Künstler, Sohn einer Hessin und eines amerikanischen GI's. Zusammen mit Eboa Itondo hat er Along the Color Line kuratiert.
"James Gregory Atkinson reagiert mit seinen multimedialen Arbeiten auf die extreme Unvollständigkeit offizieller Archive in Bezug auf Schwarze Menschen, ihren Erzählungen und Kulturen. Dafür greift er auf die Geschichte von queeren und Schwarzen Menschen zurück und bringt diese in einen Dialog mit gegenwärtigen Verhältnissen." (Schirn)
Atkinson versteht das Archiv sowohl als Ort der Selbstbestimmung als auch als Schauplatz der Machtkritik, wobei Gemeinschaften und bedeutende Orte durch partizipative und performative Methoden einbezogen werden, die historische und zeitgenössische Erfahrungen in einen Dialog bringen (Galerie Thomas Schulte). 

Die Spurensuche von Atkinson ist spannend und könnte der Ausstellung die Erzählung geben, die sie vermissen lässt. Diese könnte vor dem Hintergrund der konsistenten Spurensuche der transatlantischen Moderne erfolgen. Die Auszüge der Schriften des afroamerikanischen Soziologen W. E. B. Du Bois, deren wichtigste Stellen sicherheitshalber auch noch gelb markiert sind, begleiten die Ausstellung. Sie könnten durch das Archiv von Atkinson sowie durch Dokumente zu Du Bois' Leben systematisch ergänzt werden: Du Bois studierte 1892–1894 in Berlin und besuchte 1936 als Journalist für den Pittsburgh Courier unter anderem Köln, Hamburg, Stuttgart, die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth und die Olympischen Spiele in Berlin.


KP Brehmer: Farbengeographie (Haarfarben in Frankreich) 
Along the Color Line
, 3.10.26 - 7.3.2027
Museum Ludwig, Köln


"Jubiläumsausstellung" ärmlich und schlecht kuratiert 

Persönliche Highlights in der Ausstellung sind zum Beispiel O'Grady's Miscegenerated Family Album, Tayous Things fall apart, Belkis Ayóns wunderbare Collagen, KP Brehmers Farbengeographie oder einige der Archiv-Kästen von James Gregory Atkinson - um nur einige zu nennen.
 
Aber als zweite große "Jubiläumsausstellung" - nach Yayoi Kusama - wirkt Along the Color Line schlicht ärmlich und schlecht kuratiert. 
Sie ist aus einem Forschungsprojekt hervorgegangen, das herausfand, dass im Museum Ludwig Schwarze Künstler der Moderne unterrepräsentiert sind. (Da stellt sich schon die Frage, was es dabei in einem "Projekt" zu erforschen gibt.) 

"Diese eher kulturwissenschaftliche Perspektive" zusammen mit ihrer "assoziativen Konzeption" (so die beiden Kuratoren) tut der Ausstellung nicht gut: "Der Weg durch die Ausstellung suggeriert keine lineare zeitliche Entwicklung, sondern verläuft als Spurensuche, die vom Jetzt ausgeht, sich immer wieder in die Vergangenheit zurücktastet und ebenso oft wieder in die Gegenwart zurückkommt." (Eboa Itondo, Ausstellungsrundgang, Pressemappe) 

"Spurensuche" deutet eine gewisse Systematik an. Tatsächlich sind es aber Assoziationen, die Auswahl und Anordnung in Along the Color Line bestimmen. Und diese sind die Assoziationen der Kuratoren Itondo und Atkinson: Das macht es dem Besucher schwer, der sich oft einem Sammelsurium gegenüber sieht und den roten Faden, das vielgepriesene Narrativ, vermisst. Ein assoziative Ansatz ist kein guter für ein Museum, das ja gerade nach bestimmten transparenten Kriterien ausstellt: was die Kunstauswahl, was die Hängung, Präsentation usw. angeht. Die Spurensuche nach der Transatlantischen Moderne geht den beiden Kuratoren verloren - dabei ist das eine durchaus spannende Fragestellung. Sie hätte nur konsequenter verfolgt werden müssen.

Hinzu kommen grundsätzliche Fragen zur Zielsetzung der Ausstellung: 

Einer der zentralen (An)Sätze der Ausstellung ist den Schriften des Soziologen W.E.B. Du Bois entnommen: "The problem of the twentieth century is the problem of the color-line" (1903). Ganz offensichtlich - so wissen wir es inzwischen - war aber die "Rassentrennung" (color line) nicht das zentrale Problem des 20. Jahrhunderts. 


W.E.B. Du Bois
Along the Color Line, 3.10.26 - 7.3.2027
Museum Ludwig, Köln


Das "Forschungsprojekt" verdeutlichte, dass "Arbeiten Schwarzer Künstler*innen wie in den meisten europäischen Museen auch hier [im Museum Ludwig Köln] kaum vertreten sind, ganz besonders im Bereich der Moderne. Diese Unterrepräsentation verweist auf tief verwurzelte koloniale und gesellschaftliche Machtverhältnisse, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen" (Pressemappe).  
Dies gilt für viele Gruppen, z.B. auch Kinder oder Arbeiter. 


Pascale Marthine Tayou: Things fall apart
Along the Color Line, 3.10.26 - 7.3.2027
Museum Ludwig, Köln



Das Museum, ganz besonders das Kunst-Museum, ist hervorgegangen aus der europäischen Aufklärung und wird getragen vom Bildungsbürgertum. Dessen und deren Auffassung von Kunst ist eurozentristisch bzw. genauer: "westlich" geprägt, denn Eurozentrismus blendet den wesentlichen Einfluss amerikanischer Kunst aus - ebenso im Übrigen wie asiatische Kultur und Kunst; einmal abgesehen davon, dass westliche Künstler stark von Nah- und Fernost sowie Afrika beeinflusst wurden. 
Und ein Museum, das eine solcherart definierte Kunst sammelt und ausstellt - hat notwendigerweise eine eurozentrische oder westliche Sicht. Das hat erst einmal nichts mit Farben von Menschen oder bestimmten Regionen der Erde zu tun. 

Fraglich ist ebenso, dass von einer Schwarzen Diaspora in Deutschland gesprochen und geschrieben wird. Ein Brauner, Schwarzer, Roter und Grüner Mensch fiel und fällt unter Weißen Deutschen sicherlich auf. Es gibt aufgrund des anderen Aussehens Rassismus und Diskriminierung. Der Begriff Diaspora wird heute sehr breit gefasst. Hier nur als Beispiel Google Gemini und die Wikipedia:

"Der Begriff bezog sich jahrhundertelang ausschließlich auf das Exil und die weltweite Zerstreuung des jüdischen Volkes außerhalb des historischen Heimatlandes... Heute wird der Begriff umfassender für migrantische, ethnische oder nationale Gemeinschaften verwendet (zum Beispiel die afrikanische oder armenische Diaspora), die über Generationen hinweg den Kontakt und die kulturelle oder politische Verbundenheit zu ihrem Herkunftsland aufrechterhalten" (Gemini-KI).

"Über die materiellen Probleme hinaus stellt die Diasporasituation die Menschen vor die Frage nach ihrer kulturellen Identität. Oft betonen und überhöhen sie die Werte ihres Ursprungslandes. Freiwillige oder erzwungene Ab- und Ausgrenzung einerseits (Parallelgesellschaft), Assimilation bis zum Verlust der Muttersprache oder Religion der Gemeinschaft andererseits sind die Extreme, zwischen denen Diasporabevölkerungen ihren Weg suchen. Die dabei seit Jahrhunderten gewonnenen Erfahrungen können wertvoll sein für eine Welt, in der kulturelle Vielfalt zur Normalsituation wird. Insgesamt entwickeln Minderheiten, die lange Zeit nirgends hoffen dürfen, eine Mehrheit zu werden, durchaus spezifische Politik-Konzepte; auch gegenüber anderen Minderheiten" (Wikipedia).
Ein solcherart breit gefasster Begriff Diaspora führt aber dazu, dass er unscharf wird: Was ist das Herkunftsland Schwarzer Deutscher? Leben Russland-Deutsche in der Diaspora in Deutschland oder eher in Russland? Ist ein Bayer im Rheinland in der Diaspora? 


James Gregory Atkinson
(Objekt aus: Entfernte Verbindungen)
Along the Color Line, 3.10.26 - 7.3.2027
Museum Ludwig, Köln


Und ist Schwarze Kunst der Moderne anders als Weiße europäische oder US-amerikanische? 
"Along the Color Line [fragt ], wie Schwarze Künstler*innen durch ihre Werke neue Narrative schufen, die koloniale und eurozentristische Sehgewohnheiten herausfordern. Anhand von Bewegungen wie der Harlem Renaissance in den USA oder der Négritude-Bewegung in Europa werden die Beziehungen zwischen den Kontinenten nachgezeichnet und die Auswirkungen auf aktuelle Kunstproduktionen untersucht." (Pressemappe) 
Wird diese Frage von Along the Color Line beantwortet oder auch nur hinreichend untersucht? Das Archiv von Atkinson ist ebenso ergreifend wie entlarvend, hat aber wenig mit der Moderne der Kunst des 20. Jahrhunderts zu tun.

Trotz dieser nicht gerade einladenden Argumente: 

"die Sonderausstellung [lädt] die Besucher*innen ein, den gesellschaftlichen Stellenwert von kultureller Identität, Gemeinschaft und Zugehörigkeit zu reflektieren und über die Relevanz kreativer Lösungen für das Leben mit und zwischen unterschiedlichen Kulturen nachzudenken – damals wie heute." (Pressemappe)

Zum Abschluss sei auch auf zwei herausragende Ausstellungen der letzten Jahre erinnert, die Fragen der aktuellen Ausstellung Kölner Museum Ludwig ebenfalls reflektieren: 

"I AM NOT A PRISONER OF HISTORY ... HAVE I NO PURPOSE ON EARTH BUT TO AVENGE THE BLACK MAN OF THE 17TH CENTURY? (aus: To Cross One More Sea, William Kentridge. Ausführliche Ausschnitte im Video zur wunderbaren Ausstellung  )  



Infos zu Along the Color Line – Spuren einer transatlantischen Moderne im Museum Ludwig, Köln


Im Hintergrund Winold Reiss: Harlem Girl with Blanket
Along the Color Line, 3.10.26 - 7.3.2027
Museum Ludwig, Köln

Rahmenprogramm

Das spärliche Begleitprogramm zur Along the Color Line verdeutlicht ihren Stellenwert.
  • Mittwoch, 15. Oktober 2026 (15:00 – 16:00 Uhr): Führung, Kosten: 2,00 € zzgl. Museumseintritt
  • Mittwoch, 15. Oktober 2026: Kunstspäti mit dem Thema „Along the Color Line – Diaspora, Kunst und Moderne“ 
  • Mittwoch, 4. November 2026 (16:30 – 17:30 Uhr): Führung „Along the Color Line. Perspektiven einer Transatlantischen Moderne“ 
  • 5.11., 17–22h Langer Donnerstag (LADO) zur Ausstellung
  • Jeden Sonntag, 14–17h, Kunst:Dialoge in der Ausstellung 
  • Jeden Donnerstag, 15h: Führung 
    (Kosten: 2 Euro. Tickets dafür 30 Minuten vorher an der Infotheke)

Fotos und Video

Fotogalerie auf Youtube: https://youtu.be/s8HIH1nBv7A


Fotos und Videos (sofern nicht anders gekennzeichnet):
Along the Color Line – Spuren einer transatlantischen Moderne, Museum Ludwig Köln, (C) Vera Kriebel, 1.10.2026


Pascale Marthine Tayou: Things fall apart





(C) Nina Vanik, 1.10.2026

(C) Nina Vanik, 1.10.2026


(C) Nina Vanik, 1.10.2026

W.E.B. Du Bois



Wandtexte mit Auszügen aus W.E.B. Du Bois




James Gregory Atkinson: Black Archive Germany

Juke-Joint, 2023
  • Wurlitzer Victory Jukebox, Mitte des 20. Jh. mit Schallplatten von Marie Nejar (1930-2025), die unter dem Künstlernamen Leila Negra nach dem 2. Weltkrieg als deutsche Schlagersängerin bekannt wurde und deren eigene und Familiengeschichte von der Color Line geprägt wurde. (Wikipedia: Leila Negra)

Sohn / Bruder / Vater / Liebhaber / Freund 

Entfernte Verbindungen

Belkis Ayón

Ausstellung der kubanischen Künstlerin durch das Ludwig Forum für internationale Kunst, Breinig, 1995. 
Das Ausstellungsbuch unten ist Teil eines Archiv-Kastens von J.G. Atkinson.








Peter Uka




 



Romare Bearden: Jazz (Chicago) Grand Terrace Ballroom 

(1964)


Aaron Douglas 



Belkis Ayón







Charles White: Black Pope




KP Brehmer: Farbengeographie







Lorraine O’Grady: Miscegenated Family Album

"Miscegenation" = "Rassenmischung / interkulturelle oder interethnische Verbindung ...
der englische Begriff [ist] historisch stark biologisch-rassentheoretisch aufgeladen ...
[Miscegenated bedeutet heute] vermischt multikulturell hybrid bunt gemischt ...
[veraltet:] gemischtrassig ..." (Google Gemini KI)




James Gregory Atkinson





Zu post-konzeptuell und postmodern:

  • Google Gemini zu post-konzeptuell: „Zeitgenössische Kunst ist post-konzeptuelle Kunst.“ (Peter Osborne) "Das bedeutet, dass heute fast kein zeitgenössisches Kunstwerk mehr ohne ein fundiertes intellektuelles oder kritisches Konzept auskommt." 
  • Postmoderne und postkonzeptuelle Kunst: "Obwohl beide Bewegungen ab den 1970er Jahren parallel liefen und sich oft überschneiden, gibt es einen klaren Unterschied: Die Postmoderne ist ein breiter, kulturhistorischer Epochenbegriff , während die post-konzeptuelle Kunst eine spezifische, methodische Haltung innerhalb der Kunst beschreibt." (Google Gemini) Die Postmoderne ist oft eklektizistisch (z.B. Thomas Pynchon in der Literatur), post-konzeptuelle Maler wie Gerhard Richter mit seinen fotorealistischen Atlas-Bildern oder Neo Rauch reflektieren ein Konzept, z.B. die Frage "Was ist der Unterschied zwischen einem Foto und einem Gemälde im Zeitalter der Massenmedien?" (Google Gemini).

James Gregory Atkinson: Herzliche Grüße Toxi





James Gregory Atkinson: Black Archive Germany






Pirkle Jones (Black Power movement 1968)





James Gregory Atkinson 




Bodys Isek Kingelez: Köln




Chargesheimer


Josephine Baker


Die Moderne


(C) Nina Vanik, 1.10.2026


(C) Nina Vanik, 1.10.2026



(C) Nina Vanik, 1.10.2026


(C) Nina Vanik, 1.10.2026


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen